Zurück in die Wildnis

Vielleicht ist er nicht der hübscheste, aber mit Sicherheit ein sehr interessanter, liebenswerter Vogel – und einer der seltensten weltweit. Der Waldrapp ist in Mitteleuropa bereits seit 400 Jahren ausgestorben, die Tatsache, dass er einst auch in Deutschland ein Brutvogel war, jahrhundertelang vergessen. Seit 2004 läuft im Rahmen eines EU-LIFE-Projektes ein Wiederansiedlungsprogramm, das dieses Jahr in die zweite Runde ging.

Von Sylvia Koch

Im Jahr 1994 musste der Waldrapp in der Roten Liste der IUCN als einer der seltensten Vögel dieser Welt hochgestuft werden. Nur noch eine wild lebende Population mit lediglich 65 Brutpaaren an der Atlantikküste Marokkos war übrig geblieben. Der klägliche Rest von einst großen Brutkolonien auf dem afrikanischen Kontinent von Marokko bis Ägypten, in großen Teilen Europas, Kleinasiens und auf der Arabischen Halbinsel. In Europa starb die Art bereits im 16. und 17. Jahrhundert aus.

Die jungen Waldrappe müssen an die Fluggeräte und deren Geräusche gewöhnt werden, bevor es auf die Reise ins Wintergebiet geht. Foto: Albert Moser
Um ihr Winterziel in der Toskana zu erreichen, müssen die Waldrappe die Alpen überqueren.

Einst weit verbreitet

Der Waldrapp brütete in Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz hauptsächlich am Fuße der nördlichen Alpen, in Spanien und im Westen des Balkans. Knochenfunde zeigen jedoch, dass sein Brutgebiet noch viel größer gewesen sein muss. So wurden beispielsweise am Kaiserstuhl in Baden-Württemberg gefundene Knochen auf das 4. Jahrhundert nach Christus datiert, Knochen aus einer Höhle im Südosten Frankreichs auf 764 und 406 vor Christus. Auch jüngste DNA-Analysen belegen, dass es keine genetischen Unterschiede zwischen der marokkanischen und der früheren Population im Nahen Osten gibt, was dafür spricht, dass der Waldrapp durchgehend in weiten Teilen Nordafrikas, Europas und Kleinasien brütete. Die Trennung in eine westliche und eine östliche Popula­tion fand somit erst nach dem Aussterben der Art in Europa Anfang des 17. Jahrhunderts statt.

Das Ende in Europa

Ursprünglich legten die etwa gänsegroßen Kolonienbrüter ihre Nester in Felsvorsprüngen an. Später wurde die Art zum Kulturfolger und nistete beispielsweise an Burgen und Schlössern. Vielleicht ein Schritt, der ihn am Ende das Leben gekostet hat. Historische Aufzeichnungen berichten von der Jagd auf die Waldrappe, auch vor der Aushorstung von Jungvögeln wurde nicht Halt gemacht. Beschleunigt wurde der Rückgang in Europa wahrscheinlich auch durch die sogenannte Kleine Eiszeit, deren Kernzeitraum vom Ende des 16. Jahrhunderts bis in das letzte Drittel des 17. Jahrhunderts andauerte. Die Winter waren lang und sehr kalt, sodass das Getreide erst sehr spät ausgesät werden konnte, und in den kühlen Sommern regnete es so viel, dass die Ähren auf den Halmen verfaulten. Die Menschen hungerten. Der nicht sehr wehrhafte Waldrapp war einfach zu fangen und schmackhaft obendrein. Historischen Aufzeichnungen nach galt er als Delikatesse. Außerdem könnte die nasskalte Witterung sich negativ auf den Bruterfolg und die Lebenserwartung der wärmeliebenden Waldrappen geführt haben. Jedenfalls passt der Zeitraum, denn die Vögel sind etwa seit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) nördlich der Alpen ausgestorben und mit ihnen für Jahrhunderte die Erinnerung an sie. Erst 1897 erkannten Ornithologen, dass die historischen Darstellungen keine Fabelwesen zeigten, sondern diese einer für den Nahen Osten beschriebenen Art ähnelten. Erst dann erhielt der Waldrapp seinen heutigen wissenschaftlichen Namen Geronticus eremita.

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