Zugvögel auf Abwegen

Text: Dr. Nina Krüger, Bild: Waldrappteam

Liebe Leserinnen und Leser,

ich freue mich, dass Sie sich heute vielleicht zum ersten Mal entschieden haben, unser Heft aufzuschlagen. Ebenso freue ich mich, die vielen treuen Leserinnen und Leser unter Ihnen zu begrüßen. Dieser Winter hat es wirklich in sich. Vielerorts steht das Hochwasser noch an der Deichkante und überflutet Wiesen und Felder. In diesem Moment treiben zudem dicke Schneeflocken an meinem Fenster vorbei und hüllen das Land in eine weiße Decke. Der Januar war bisher von Frost geprägt. Das hat viel Bewegung in die Vogelwelt gebracht und zu teils außergewöhnlichen Beobachtungen geführt. Die Stunde der Wintervögel Anfang Januar hat es gezeigt: Neben den üblichen Gartengästen haben sich viele Exoten auf Wanderschaft begeben und sind auf den Zählzetteln der Teilnehmenden aufgetaucht. Seit Jahren haben zum ersten Mal Seidenschwänze wieder ihren Weg nach Deutschland gefunden. Aber schon im späten Herbst des letzten Jahres kam es zu einigen ungewöhnlichen Ereignissen. Mauerläufer, die normalerweise aus ihren Brutgebieten in den teils hochalpinen Bereichen der Alpen lediglich bis an den Fuß der Berge ziehen, wurden Mitte Dezember teils Hunderte Kilometer weiter nördlich gesichtet, zum Beispiel an der Burg Rheinfels. Mehr dazu erfahren Sie ab Seite 12 und in unserem Podcast, den wir Ihnen ab Seite 14 vorstellen. Die Waldrappe, die in den neu geründeten Kolonien in Burghausen, Kuchl und Überlingen zu Hause sind, machten bis Ende November noch keine Anstalten, sich auf die Reise über die Alpen zu begeben, und als sie sich endlich auf den Weg machten, zogen einige nicht nach Süden, sondern verirrten sich bis nach Norddeutschland und Dänemark. So sorgten sie unweit von Lüneburg an der Elbe für großes Aufsehen (mehr dazu ab Seite 32). Der Rekordflug eines jungen Weibchens nahm jedoch ein trauriges Ende – nach einer schier endlosen Odyssee und einem über 700 Kilometer langen Nonstop-Flug wurde es in Andalusien vom Himmel geschossen. Was müssen sich die Schurken über diesen seltsamen Vogel gewundert haben, den sie schließlich liegen ließen, sodass er gefunden werden konnte? So etwas macht wütend und den Tod des seltenen Tieres doppelt sinnlos, zeigt aber, dass selbst Irrwege für die bedrohten Vögel nur halb so gefählich sind, wie die Nähe zu Menschen, die dem Unbekannten mit Feindseligkeit anstatt mit Neugier begegnen.

Ihre

Dr. Nina Krüger

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