Vögel - Magazin für Vogelbeobachtung
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Was der Sommer brachte Â…
10.10.2007

Welcher Sommer?“ Das werden sich manche fragen. Denn nach dem warmen und meist trockenen Auftakt im Frühjahr hatte sich spätestens ab Mitte Juni die Wetterlage umgestellt. Die vorherrschenden feucht-kühlen atlantischen Strömungen mit viel Regen und Wind machten bis weit in den Juli hinein nicht nur Urlaubern, sondern auch vielen unserer Sommervögel deutlich zu schaffen.

Bienenfresser: Der Brutbestand dieser hübschen Art ist in Süddeutschland in den letzten Jahren stark angestiegen – auch der „schlechte“ Sommer hat die Zahlen dieses Jahr nicht merklich beeinträchtigt. FOTO: CHRISTOPHER ENGELHARDT

VON CHRISTOPHER ENGELHARDT

Zum herausragenden ornithologischen Ereignis wird schon im Mai der Einflug von südeuropäischen Geiern nach Mitteleuropa. Das Auftauchen von Vögeln, die seit 150 Jahren in Deutschland nicht mehr heimisch sind, hatte schon im vergangenen Jahr für Aufregung gesorgt und Diskussionen über deren Wanderverhalten, möglichen Schutz und Wiederansiedlungen angeregt. Die Herkunft der großen Aasfresser aus den südfranzösischen Cevennen und Spanien führte zu der Vermutung, die Vögel könnten sich vom Hunger getrieben in Mitteleuropa nach neuen Nahrungsquellen umschauen. Denn wegen neuer EU-Hygienevorschriften dürfen die südeuropäischen Bauern seit 2006 die Kadaver von Rindern, Schafen und Ziegen nicht mehr offen liegen lassen.
Bereits im April erscheinen einzelne Gänsegeier nahe Mainz, im Nordschwarzwald, in Bayern, in Schleswig-Holstein und bei Celle in Niedersachsen. Mitte Mai wird eine größere Anzahl am Nordwestrand der Schwäbischen Alb entdeckt. Sie hatten in dem landwirtschaftlich genutzten Gebiet aus der Luft ein totes Schaf erspäht und sich an dem Kadaver gütlich getan. Am 13. Mai werden bei Haigerloch 22 Gänsegeier und sogar zwei der viel selteneren Mönchsgeier gezählt. Die Biografie eines der Mönchsgeier lässt sich zurückverfolgen: Der Vogel hatte gebleichte Federn, die das Wiedererkennen möglich machen sollten. Er war als weiblicher Jungvogel namens Orphée 2006 im Wuppertaler Zoo ausgebrütet und für ein Wiederansiedlungsprojekt in Südfrankreich zur Verfügung gestellt worden. Nach dem Deutschlandbesuch wird er wenig später, am 20. Mai, 650 Kilometer Luftlinie entfernt, wieder zurück in den Baronnies beobachtet.

Die Geierversammlung von Haigerloch sollte erst der Anfang sein. Aus der Nähe von Brüssel wird die Landung von 200 Gänsegeiern berichtet – oder sind es „nur“ 100? In der Nähe von Genf tauchen Mitte Juni etwa 50 bis 60 Gänsegeier und zwei Mönchsgeier auf. Größere Gruppen auch in Deutschland: 30 der riesigen Vögel werden Mitte Juni auf dem Köterberg nördlich von Höxter in Niedersachsen gesehen. Am 17. Juni werden 13 Geier aus Sachsen-Anhalt gemeldet. In Mönchengladbach wird am 18. Juni ein Trupp von 22 fliegenden Geiern notiert. Tags darauf kreisen über den Baggerteichen bei Niederweimar in Hessen 13 Gänsegeier, am 20. Juni 20 Vögel über Boppard am Rhein. Einzelne Geiermeldungen kommen auch aus dem Norden, so aus Elmshorn in Schleswig-Holstein und von der Elbe bei Marschacht, die meisten dann aber ab Ende Juni aus Rheinland-Pfalz und Bayern. Im Laufe des Juli ebben die Meldungen deutlich ab – die Geier sind offenbar wieder nach Hause geflogen. Einzelne Sichtungen gibt es noch am 14. Juli in Brandenburg, am 16. Juli über der A66 bei Wiesbaden, und ein Dreiertrupp wird am 17. Juli noch über dem Badesee Niederweimar in Hessen gesehen.
Nicht überall wird die Vorstellung geteilt, die Vögel hätten sich allein aufgrund von Nahrungsmangel auf den Weg nach Mitteleuropa begeben. Es werden im Zuge der Diskussion auch Stimmen laut, die daran erinnern, dass es ganz allgemein Zugbewegungen von Nichtbrutvögeln im Sommer gibt, die im Herbst wieder nach Süden zurückfliegen. Die in diesem Jahr hier beobachteten Geier seien immerhin nicht vom Hunger entkräftet, sondern offensichtlich vital und gesund gewesen, zudem hätten sie sich ja wieder auf den Rückflug nach Süden gemacht. So könne der Einflug auch als das Wiederaufleben einer alten Zugtradition gewertet werden.

Zum zweiten vogelkundlichen Großereignis des Monats Mai zählt ein überraschender Einflug von Weißflügel-Seeschwalben. Bereits ab dem Monatsanfang tauchen zwischen Brandenburg und Nordrhein-Westfalen, bald auch in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, zumeist kleine Trupps an unterschiedlichen Gewässern auf. Mitte Mai ist es fast unmöglich, irgendwo im Norden naturnahe Gewässer zu besuchen, an denen nicht früher oder später Weißflügel-Seeschwalben herumfliegen. Gelegentlich finden sich auch einzelne Weißbartsee-Schwalben darunter. Insgesamt sind es mehrere hundert Sumpfseeschwalben, der stärkste Einflug dieser Art in Deutschland seit vielen Jahren.


Weißflügel-Seeschwalbe: Bei dieser hübschen Sumpfseeschwalbenart kam es im Mai/Juni zum größten Einflug seit Jahren. FOTO: STEFAN PFÜTZKE

Anfang und Mitte Mai erscheint je eine Weißbart-Grasmücke auf Helgoland, sie ist aber aufgrund ihres sehr heimlichen Verhaltens jeweils nur kurz und schwierig zu sehen. An die 20 einzeln durchziehende  Rotfußfalken werden in Deutschland bemerkt. Während der ersten drei Maiwochen singt ein Iberischer Zilpzalp in Sachsen-Anhalt. Ein Terekwasserläufer im Katinger Watt an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste wird am 12. Mai direkt schon erwartet – denn dieser Vogel legt nunmehr das zehnte Jahr in Folge immer zur gleichen Zeit, an immer der gleichen Stelle für einige Tage seine Rast ein. Wenige Tage später gesellt sich ein paar hundert Meter weiter am Eidersperrwerk ein zweiter Terek hinzu – die beiden Vögel sind an ihrem unterschiedlichen Mauserzustand leicht auseinander zu halten. Am 13. Mai wird noch ein später Gelbschnabeltaucher aus Schleswig-Holstein gemeldet. Der Durchzug der Mornellregenpfeifer in ihre skandinavischen Brutgebiete bleibt nicht ganz unbemerkt: Einzelne Vögel werden in Rheinland-Pfalz, Brandenburg und Schleswig-Holstein gefunden. Auf einem Traditionsrastplatz im Gebiet Vest Stadil Fjord nördlich von Ringköbing in Dänemark werden am 19. Mai allerdings insgesamt sogar 61 Exemplare gezählt, davon 41 in einem Trupp.

Jeweils ein Rallenreiher taucht Ende Mai in Bremen und in einer Kiesgrube bei Niederweimar in Hessen auf. Auch Nachtreiher verschlägt es bis nach Sachsen und Niedersachsen. Weitere aus Südeuropa zugeflogene Arten sind Sichler in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, zwei Rosaflamingos an der niedersächsischen Küste, ein Zwergadler in Westfalen, ein Habichtsadler über dem ostholsteinischen Lebrade sowie zum Monatsausklang ein Orpheusspötter auf Helgoland.


Terekwasserläufer: Im zehnten Jahr in Folge rastet dieser Terekwasserläufer in der sogenannten „Nullfläche“ am Eiderwatt in Nordfriesland. FOTO: ANDREAS SCHULZ-BENICK

Im Juni gehen die Zahlen der beobachteten Sumpfseeschwalben merklich zurück. Ein Rallenreiher hält sich ab dem 5. Juni in der mecklenburgischen Lewitz auf, ein weiterer überfliegt Ende des Monats das NSG Schmoel bei Kiel. Den ganzen Juni über bleibt ein Nachtreiher in den Rieselfeldern Münster, mindestens drei weitere werden zwischen Rheinland und Sachsen festgestellt. In Ostbayern und am Altmühlsee tauchen zwei weitere Sichler auf, ein Schmutzgeier segelt im Grenzgebiet zu Baden-Württemberg. Mehrere Schlangen- und ein Zwergadler werden aus dem deutschen Binnenland gemeldet. Zum Monatsausklang besucht eine Zitronenstelze die Elbe bei Hamburg.
Am 26./27. Juni rast der erste Orkan des Sommers über Europa hinweg und treibt einige Hochseevögel in Küstennähe. So werden von Land und Inseln aus etliche Eissturmvögel, Basstölpel, Dreizehenmöwen, Skuas und Schmarotzerraubmöwen entdeckt. Ob auch das Auftauchen einzelner Gelbnasenalbatrosse Ende Juni in England und vor Norwegen mit dem Sturm zusammenhängen kann? In seiner Wirkung für die Brutvögel an der Nordseeküste ist dieser Sturm verheerend: Die mit ihm einhergehende viel zu frühe Sommer-Sturmflut bringt vieltausendfachen Tod über Jungvögel und ganze Brutkolonien. Besonders schlimm trifft es auch die einzige Lachseeschwalben-Kolonie in Nordwesteuropa. Die 40 im Bereich der Elbmündung nistenden Paare verlieren auf einen Schlag ihre insgesamt rund 90 noch nicht flugfähigen Jungen. Einziger Trost dieser Tragödie ist, dass Küstenvögel wie Möwen, Seeschwalben und Limikolen langlebige Arten sind, die die Verluste im Laufe der Jahre in der Regel wieder ausgleichen können.
Erfreuliche Nachrichten gibt es immerhin bei einigen anderen Brutvogelarten. Orpheusspötter werden in diesem Sommer im Saarland und anderswo im Südwesten an etlichen neuen Stellen registriert. Die in Rheinhessen und im sonstigen Süddeutschland seit Jahren anwachsenden Brutbestände des Bienenfressers scheinen von der anhaltend nassen Witterung dieses Sommers nicht spürbar beeinträchtigt worden zu sein, ebenso wenig die der Wespenbussarde im Norden.
Wahrscheinlich hat der extrem warme und trockene April die Entwicklung einiger Insektenarten sehr gefördert. Gleich zwei regional neue Brutvogelarten können in diesem Sommer nachgewiesen werden. Die Zwergscharbe wird als neuer Brutvogel für Österreich vermeldet – gleich zwölf Paare werden in einem unzugänglichen Schilfgürtel in einer großen Kolonie aus Reihern und Löfflern im Nationalpark Neusiedlersee entdeckt. Auch Norddeutschland wartet mit einer Erfolgsmeldung auf: Im Juni 2007 gelingt erstmals ein Brutnachweis des Sperlingskauzes, der kleinsten in Europa vorkommenden Eulenart, in Schleswig-Holstein.

Im Juli setzt der alljährliche Wegzug ein – schon ab dem 4. Juli werden an der Küste erste Odinshühnchen und Sumpfläufer gemeldet, vom Sumpfläufer gibt es im Wattenmeer gut zweistellige Zahlen. Der sommerliche Wegzug bringt wieder eine ganze Reihe seltener Ausnahmegäste mit sich. An der Donau bei Aholfing in Bayern lässt sich Ende Juni / Anfang Juli ein Rosapelikan über eine Woche lang beobachten. Am 18. Juli taucht ein Rosapelikan auf der dänischen Insel Mön auf und führt zu Spekulationen, es könne sich um den Vogel aus Bayern handeln. Allerdings war wenige Wochen zuvor ein voll flugfähiger Rosapelikan aus dem St. James‘s Park in London entflogen – wer weiß, ob es sich also nicht doch „nur“ um einen solchen Gefangenschaftsflüchtling handeln könnte?

Unzweifelhaft jedenfalls ist die natürliche Herkunft von bis zu zwei Pazifischen Goldregenpfeifern, die sich Mitte Juli im Meldorfer Speicherkoog in Schleswig-Holstein aufhalten. Am 17. Juli steht bei Rudolstadt in Thüringen ein Triel. Am gleichen Tag wird während der Springtidenzählung im NSG Beltringharder Koog in Nordfriesland ein Grasläufer entdeckt. Ein ebenfalls aus Nordamerika stammender Kleiner Gelbschenkel präsentiert sich ab dem 20. Juli direkt vor einer Beobachtungshütte im Schutzgebiet Wallnau auf Fehmarn im Schlick und lässt sich von Dutzenden Vogelguckern ausgiebig und bequem beobachten. Stand: 21. Juli 2007

 
 
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